Donnerstag, 2. August 2007

Pathologisch, tyrannisch, vergehend. "Die Reichsgründer mit Schmürz" im Orphtheater Berlin

Nein, einfach ist die Inszenierung von Matthias Horn nicht. Das Orphtheater hat es uns nun wieder nicht einfach gemacht. Und gut so... Denn es ist genug mit der homogenisierten vorverdauten Kunst, die Zeit für etwas Anspruchvolles ist gekommen!

So widmete sich der Regisseur einem modernen Werk und nahm "Die Reichsgründer mit Schmürz", ein in den späten Fünfzigern geschriebenes Stück von dem
überzeugten Pataphysiker Boris Vian, einem französischen Autor, ja einem Multitalent, das den Ingenieur, Jazztrompeter, Schauspieler, Schriftsteller in einer Person verkörperte. So hatte Vian gutes Gefühl für all das, was auf die Bühne gehört und ein vollständiges Theater bildet: Bühnentechnik, Musik, Dramaturgie. Horn gelingt es, das in all den Elementen verborgene Potenzial herauszuholen und dem Berliner Publikum zu präsentieren. In allen szenischen Ebenen herrscht ein durchdachtes System, sei es der Rhythmus, der Körperausdruck, das Licht. Jedes grad erwähnte Element könnte selbstständig schon als ein Plot gelten. Alle zusammen bilden eine (fast) genial konstruierte Aufführung.

Eine Familie und ein Nachbar mit seinem Sohn agieren auf der Bühne. Alle sind etwas skurril, ja krank sogar. Sie kommen von irgendwo und gehen immer wieder weiter, um einem schrecklichen Geräusch zu entkommen, das sowohl an eine Baustelle als auch an Kriegsklänge erinnern mag. Die Flucht. Gekommen, kurz geblieben, wieder gegangen. Woher?, wo?, wohin? - das bleibt aber unklar. Wie die Quelle des Geräuschs. Immer wieder wehren sich die Protagonisten gegen ihn und fragen "Hat dieses Geräusch keine reale Bedeutung? [...] Warum ziehen wir dann jedes Mal weg?" Diese Fragen müssen jedoch erstmal unbeantwortet bleiben. Wahrscheinlich werden sie auch am Ende des Stückes offen stehen oder eine unerwartete Wendung nehmen, ganz übereinstimmig mit der Philosophie der Pataphysik. Zufall und Beliebigkeit sind wesentliche Elemente der Produktion in pataphysischer Tradition. Die Pataphysik präsentiert sich in Form einer Wissenschaft, Philosophie oder esoterischen Lehre, wo sie unter umgekehrten Vorzeichen ein Paralleluniversum erfindet, das an die Stelle der bekannten Welt treten könnte. Auch wenn das widersprüchlich klingen mag, eine gewisse Logik steht doch dahinter. Ein totales Chaos entsteht daher nie.

Das Paralleluniversum, in dem das Reich durch die Affen (Markenzeichen der einen Familie) und die gefallenen Engel (Markenzeichen der Nachbarn) gegründet wird, ist schizophren, paranoisch, halluzinogen, paranoid, mit einem Wort - pathologisch. Jeder hat seine Dämonen, sei das ein Radio, ein eigenes Zimmer, eine voll ausgestattete Küche, die ihn verfolgen. Die alte Dienstmagd, manchmal einer Hexe ähnlich, erklärt dem kleinen M
ädchen das sich fortpflanzende Krankheitsprozess in der Familie: "Du fühlst dich nicht wohl. Deine Gesundheit lässt zu wünschen übrig. Du bist unpäßlich. Du zeigst Symptome kommender Verwirrungen. Dein Zustand scheint nicht zufriedenstellend zu sein. Bei deinem Vater und deiner Mutter hat man auch schon Anzeichen entdeckt!" Wenn es zu wenig zu sein scheint, geschlagen wird es dann auch noch. Das Fleisch und die Erinnerungen brauchen es. Dabei wird es an alte Zeiten erinnert, herauszufinden, was ist passiert, wird versucht, Ziele und neue Verhaltensweisen werden definiert. Ohne Aussicht auf eine erfolgreiche Umsetzung.

Und dann passiert der Umbruch. Der Spielraum wird immer kleiner (die Lichttechnik kriegt das fantastisch hin). Die Lautstärke der Geräusche nimmt zu, Stück für Stück verschwinden die Protagonisten. In das kleine Quadrat in der Mitte der Szene passt nur noch der Kühlschrank und ein Tyrann; wenn alle anderen weg sind, bleibt nur noch der eine auf der Bühne - Leon, der Haupt der Familie. Er trägt all die Attribute eines "guten" Familienvaters und Ehemannes und wird 'ein Abdecker', 'ein Oberstallmeister der Reserve', 'ein Zampano', 'ein Schmürzficker' genannt. Er hockt auf dem Kühlschrank, der zu einer Zellenpritsche und schließlich zu einem Sarg wird. Monologisierend legt sich der Familientyrann hin. In wenigen Minuten wird auch er verschwinden.

Während alles leer steht und der Raum aufs Minimalste reduziert wird - was bleibt denn? Darauf hat Leon noch die eine Idee für den Lebenslauf: "Wir laufen aus Leibeskräften in die Zukunft und wir gehen so schnell, dass uns die Gegenwart entwischt und der Staub, den wir aufwirbeln, verdeckt und die Vergangenheit."

Nichts bleibt. Eine schwarze Stille.

"Die Reichsgründer mit Schmürz" von Boris Vian, Regie: Matthias Horn, B
ühne/Kostüm: Uta Kala, Dramaturie: Harald Harzheim, Eckhart Seilacher, Musik: Markus Götze. Spieler: Liane Düsterhöft, Antje Görner, Nicole Janze, Reiner Dunkl, Hans-Jürgen Pabst, Uwe Schmieder. www.orphtheater.de