
Es gibt Theaterwerke, die wie Ikonen sind, beinah heilig; Stücke, mit denen man behutsam umgehen sollte, um deren Status nicht zu zerstören. "Die Dreigroschenoper" von Bertold Brecht gehört zu ihnen. Sie ist tief in der deutschen Tradition verankert. Und so besteht immer die Gefahr, dass ausländische Interpreten Profanes aus ihr machen. Andererseits ermöglichen sie Perspektivenwechsel und eröffnen neue Interpretationshorizonte. Das Berliner Ensemble hat die Inszenierung der "Dreigroschenoper" einem aus Texas stammenden Amerikaner einvertraut. Und das bekommt dem Stück gut.
Applaus für die genial konstruierte Aufführung
Robert Wilson ist ein Multitalent. In einer Person verkörpert er den Regisseur, Theaterautor, Maler, Lichtdesigner, Bühnenbildner und Architekten. So hat Wilson gutes Gefühl für all das, was auf die Bühne gehört und ein vollständiges Theater bildet: Bühnentechnik, Musik, Dramaturgie, Szenographie. Immer wieder gelingt ihm, das in all den Elementen verborgene Potenzial herauszuholen und seinem Publikum zu präsentieren. So auch diesmal in Berlin. In allen szenischen Ebenen herrscht ein durchdachtes System, sei es der Rhythmus, die Töne, der Körperausdruck, das Licht. Jedes erwähnte Element könnte selbstständig schon als ein Plot gelten. Alle zusammen bilden eine genial konstruierte Aufführung.
Wilson brachte die "Dreigroschenoper" auf die gleiche Bühne, auf der 1928 ihre Uraufführung stattfand. Damals war es einer der grössten Erfolge der Theatergeschichte. Allerdings nicht sofort. Dokumente aus dieser Zeit berichten, dass zunächst offensichtliche Ablehnung im Zuschauerraum herrschte. Erst nach dem "Kanonensong" war die Stimmung anders. Beifallsstürme erklangen, das Publikum trampelte, der Song musste wiederholt werden. Von da an wurde jeder Satz beklatscht und die Dreigroschenoper wurde zum größten Theatererfolg der Weimarer Republik.
Im Berliner Ensemble sind die Besucher mehr zurückhaltend. Auch wenn es genug Szenen gibt, nach denen ein Beifall ausbrechen könnte, verhalten sich die Zuschauer bescheiden. Sie brauchen Zeit um offen, spontan und öfters zu applaudieren. Eine Entwicklung ist deutlich sichtbar. Mag sein, dass sie der von vor knapp achtzig Jahren gleicht. Zuerst sitzen alle gefasst, geniessen still, in der zauberhaften Atmosphäre der Bühne versunken. Und dann nimmt das Klatschen kein Ende.
Einmaliges und harmonievolles Theateruniversum
Für eine Schallplatten-Aufnahme sprach Brecht einst einen einleitender Text: "Sie werden jetzt eine Oper hören. Weil diese Oper so prunkvoll gedacht war, wie nur Bettler sie erträumen, und weil sie so billig sein sollte, dass Bettler sie bezahlen können, heisst sie 'Die Dreigroschenoper'". Natürlich war dieser Text ironisch gemeint und "Die Dreigroschenoper" ist kein billiges Stück. Und schon gar nicht in der Umsetzung von Wilson. Der Regisseur bedient sich nur bei den Besten – Lotte Reiniger (eine Virtuosin des Schattenrisses), Dan Flavin (Leuchtstoffröhre), Marcel Marceau (Pantomime) und Charlie Chaplin (Bewegungen, Spazierstock) – lässt sich von ihren Eigenarten inspirieren und setzt ihre Genialität in seinem Stück um, als ob das eine Hommage an ihr Werk wäre. Durch diese Entlehnungen wird das Stück zu einem Konglomerat von verschiedenen Stil- und Kunstrichtungen. Eine wahre Bereicherung.
Das Klassischgewordene wird mit dem Modernen gemischt, dessen Wurzeln zum Teil in der Popkultur liegen. Und alles ist da: anspruchsvolle Pantomime, meisterhaftes Schattentheater, und brillante Revue. Neon- und Edelgasröhren sowie Punktbeleuchtung zeigen, was sich alles mit Licht machen lässt. Unglaublich, wie allein durch Licht und Ton weitere Räume und Dimensionen geschaffen werden.
Die Kostüme sind entweder matt und schlicht (die Peachums, Polizeibeamten) oder dekorativ und glanzvoll (Mackie, Huren). Macheath (Stefan Kurt), ein Metromann, mit blonden Haaren und süssen Lippen, seine Straßenbanditen sind originell frisiert, der riesige Polizeichef von London (Axel Werner) erinnert an Lynchs Serie "Twin Peaks" und ihre geheimnisvollen Gestalten. Die abgearbeitete, schmuddelige und struppige Spelunken-Jenny (Angela Winkler) gleicht Ellen Burstyn im Aronofskys Film "Requiem for a dream". Das aussergewöhnliche Panoptikum agiert auf der Szene als ob es an Marionettenfäden befestigt würde. Durch kennzeichnende Bewegungen werden Charaktere der Figuren unterstrichen und verschiedene Rhythmen geschaffen. Umgeben von der Musik von Kurt Weill bilden sie ein einmaliges und harmonievolles Theateruniversum.
Schöne musikalischen Momente
Genau so reich ist auch die musikalische Gestaltung. Das achtköpfige Salonorchester unter der Leitung von Hans-Jörn Brandenburg und Stefan Rager mischt das Alte mit dem Neuen. Das Stück beginnt – wie könnte es anders sein – mit dem "Moritat", gesungen von Stefan Kurt. Nachbearbeitete veraltete Hintergrundgeräusche einer Schallplatte und die singende Stimme mit rollendem 'r' erinnern an Brecht persönlich. An burgunden Neonrohren paradieren zur gleichen Zeit alle Stückcharaktere. Das geschieht den ganzen Song lang bis an seinem Ende Mackie geschminktes Gesicht zeigt und das Korsett. Zu eng sind die Stadt Soho für ihn, Rechtparagraphen und menschliche Umgangsformen.
Erwähnungswert ist das "Salomon"-Lied, gesungen von Angela Winkler. Ihre Auffassung wurde genial konstruiert. Sie hat eine stilisierte Form: einen etwas gleichgültigen, quasi angetrunkenen Ton. Und die Stimme, einer Sopranistin ähnlich, erreicht einwandfrei die höheren Register. Genial gespielt mit Text und Musik ist das sicher der beste Song des Abends.
Hoffentlich gibt es bald ein CD-Album, worauf die Lieder der Wilsonschen "Dreigroschenoper" kommen. Schöne Augeblicke vergehen so schnell. Es wäre empfehlenswert, sie weniger verdunstend zu machen.
"Die Dreigroschenoper" von Bertold Brecht mit Musik von Kurt Weill, Regie, Bühne, Lichtkonzept: Robert Wilson, Berliner Ensemble, Premiere 27. September 2007, Programmheft 5,- Euro.
Foto: Stefan Kurt als Mackie Messer, Angela Winkler als Jenny © Lesley Leslie-Spinks

