Mittwoch, 17. Oktober 2007

"Die Dreigroschenoper" als harmonisches Theateruniversum. Der Texaner Robert Wilson bringt ein Meisterstück auf die Bühne im Berliner Ensemble


Es gibt Theaterwerke, die wie Ikonen sind, beinah heilig; Stücke, mit denen man behutsam umgehen sollte, um deren Status nicht zu zerstören. "Die Dreigroschenoper" von Bertold Brecht gehört zu ihnen. Sie ist tief in der deutschen Tradition verankert. Und so besteht immer die Gefahr, dass ausländische Interpreten Profanes aus ihr machen. Andererseits ermöglichen sie Perspektivenwechsel und eröffnen neue Interpretationshorizonte. Das Berliner Ensemble hat die Inszenierung der "Dreigroschenoper" einem aus Texas stammenden Amerikaner einvertraut. Und das bekommt dem Stück gut.

Applaus für die genial konstruierte Aufführung
Robert Wilson ist ein Multitalent. In einer Person verkörpert er den Regisseur, Theaterautor, Maler, Lichtdesigner, Bühnenbildner und Architekten. So hat Wilson gutes Gefühl für all das, was auf die Bühne gehört und ein vollständiges Theater bildet: Bühnentechnik, Musik, Dramaturgie, Szenographie. Immer wieder gelingt ihm, das in all den Elementen verborgene Potenzial herauszuholen und seinem Publikum zu präsentieren. So auch diesmal in Berlin. In allen szenischen Ebenen herrscht ein durchdachtes System, sei es der Rhythmus, die Töne, der Körperausdruck, das Licht. Jedes erwähnte Element könnte selbstständig schon als ein Plot gelten. Alle zusammen bilden eine genial konstruierte Aufführung.
Wilson brachte die "Dreigroschenoper" auf die gleiche Bühne, auf der 1928 ihre Uraufführung stattfand. Damals war es einer der grössten Erfolge der Theatergeschichte. Allerdings nicht sofort. Dokumente aus dieser Zeit berichten, dass zunächst offensichtliche Ablehnung im Zuschauerraum herrschte. Erst nach dem "Kanonensong" war die Stimmung anders. Beifallsstürme erklangen, das Publikum trampelte, der Song musste wiederholt werden. Von da an wurde jeder Satz beklatscht und die Dreigroschenoper wurde zum größten Theatererfolg der Weimarer Republik.
Im Berliner Ensemble sind die Besucher mehr zurückhaltend. Auch wenn es genug Szenen gibt, nach denen ein Beifall ausbrechen könnte, verhalten sich die Zuschauer bescheiden. Sie brauchen Zeit um offen, spontan und öfters zu applaudieren. Eine Entwicklung ist deutlich sichtbar. Mag sein, dass sie der von vor knapp achtzig Jahren gleicht. Zuerst sitzen alle gefasst, geniessen still, in der zauberhaften Atmosphäre der Bühne versunken. Und dann nimmt das Klatschen kein Ende.

Einmaliges und harmonievolles Theateruniversum
Für eine Schallplatten-Aufnahme sprach Brecht einst einen einleitender Text: "Sie werden jetzt eine Oper hören. Weil diese Oper so prunkvoll gedacht war, wie nur Bettler sie erträumen, und weil sie so billig sein sollte, dass Bettler sie bezahlen können, heisst sie 'Die Dreigroschenoper'". Natürlich war dieser Text ironisch gemeint und "Die Dreigroschenoper" ist kein billiges Stück. Und schon gar nicht in der Umsetzung von Wilson. Der Regisseur bedient sich nur bei den Besten – Lotte Reiniger (eine Virtuosin des Schattenrisses), Dan Flavin (Leuchtstoffröhre), Marcel Marceau (Pantomime) und Charlie Chaplin (Bewegungen, Spazierstock) – lässt sich von ihren Eigenarten inspirieren und setzt ihre Genialität in seinem Stück um, als ob das eine Hommage an ihr Werk wäre. Durch diese Entlehnungen wird das Stück zu einem Konglomerat von verschiedenen Stil- und Kunstrichtungen. Eine wahre Bereicherung.
Das Klassischgewordene wird mit dem Modernen gemischt, dessen Wurzeln zum Teil in der Popkultur liegen. Und alles ist da: anspruchsvolle Pantomime, meisterhaftes Schattentheater, und brillante Revue. Neon- und Edelgasröhren sowie Punktbeleuchtung zeigen, was sich alles mit Licht machen lässt. Unglaublich, wie allein durch Licht und Ton weitere Räume und Dimensionen geschaffen werden.
Die Kostüme sind entweder matt und schlicht (die Peachums, Polizeibeamten) oder dekorativ und glanzvoll (Mackie, Huren). Macheath (Stefan Kurt), ein Metromann, mit blonden Haaren und süssen Lippen, seine Straßenbanditen sind originell frisiert, der riesige Polizeichef von London (Axel Werner) erinnert an Lynchs Serie "Twin Peaks" und ihre geheimnisvollen Gestalten. Die abgearbeitete, schmuddelige und struppige Spelunken-Jenny (Angela Winkler) gleicht Ellen Burstyn im Aronofskys Film "Requiem for a dream". Das aussergewöhnliche Panoptikum agiert auf der Szene als ob es an Marionettenfäden befestigt würde. Durch kennzeichnende Bewegungen werden Charaktere der Figuren unterstrichen und verschiedene Rhythmen geschaffen. Umgeben von der Musik von Kurt Weill bilden sie ein einmaliges und harmonievolles Theateruniversum.

Schöne musikalischen Momente
Genau so reich ist auch die musikalische Gestaltung. Das achtköpfige Salonorchester unter der Leitung von Hans-Jörn Brandenburg und Stefan Rager mischt das Alte mit dem Neuen. Das Stück beginnt – wie könnte es anders sein – mit dem "Moritat", gesungen von Stefan Kurt. Nachbearbeitete veraltete Hintergrundgeräusche einer Schallplatte und die singende Stimme mit rollendem 'r' erinnern an Brecht persönlich. An burgunden Neonrohren paradieren zur gleichen Zeit alle Stückcharaktere. Das geschieht den ganzen Song lang bis an seinem Ende Mackie geschminktes Gesicht zeigt und das Korsett. Zu eng sind die Stadt Soho für ihn, Rechtparagraphen und menschliche Umgangsformen.
Erwähnungswert ist das "Salomon"-Lied, gesungen von Angela Winkler. Ihre Auffassung wurde genial konstruiert. Sie hat eine stilisierte Form: einen etwas gleichgültigen, quasi angetrunkenen Ton. Und die Stimme, einer Sopranistin ähnlich, erreicht einwandfrei die höheren Register. Genial gespielt mit Text und Musik ist das sicher der beste Song des Abends.
Hoffentlich gibt es bald ein CD-Album, worauf die Lieder der Wilsonschen "Dreigroschenoper" kommen. Schöne Augeblicke vergehen so schnell. Es wäre empfehlenswert, sie weniger verdunstend zu machen.

"Die Dreigroschenoper" von Bertold Brecht mit Musik von Kurt Weill, Regie, Bühne, Lichtkonzept: Robert Wilson, Berliner Ensemble, Premiere 27. September 2007, Programmheft 5,- Euro.

Foto: Stefan Kurt als Mackie Messer, Angela Winkler als Jenny © Lesley Leslie-Spinks

Sonntag, 30. September 2007

"Sehnsucht nach ausladenden runden Formen". Fernando Botero in Berlin


"Ich beginne als Poet", sagte der Künstler einmal, "bringe als Maler Farben und Komposition auf die Leinwand, aber beende mein Werk als Bildhauer, der seine Freude daran hat, Formen zu streicheln". Die Üppigkeit seiner Figuren lädt ein, berührt zu werden. Und keine Kunstwerke in der Welt werden so oft angefasst wie Boteros Skulpturen.
Der 1932 in kleinem Medellín geborene Kolumbianer begann im Alter von 12 Jahren zu malen. Ende der 50er Jahre fand er seinen eigenen, heute weltberühmten, Stil. Sein Thema ist der Mensch und das menschliche Leben. Die Darstellung der Figur erlebt eine besondere Ausprägung in seinen Arbeiten, denn er zeigt den menschlichen Körper, wie auch alle anderen Formen, in überzeichneten Proportionen. "Ich mag enorme Grösse, sie ist die Erfüllung meiner Sehnsucht nach ausladenden runden Formen", erklärt er. "Dicke sind durch ihre Sinnlichkeit und Monumentalität näher an der Ewigkeit."

Leichtigkeit des Schweren, statische Bewegung
Die malerische Form, womit Botero angefangen hat, fand ihre Fortsetzung in Bronze. So sind z.B. "Dancers" aus dem Rahmen herabgestiegen und bewegen sich leicht, als ob sie gar nicht tonnenschwer wären, im Freien, auf der grünen Wiese. Auf Zehenspitzen, gerade, würdevoll. Das Paar tanzt schon länger zusammen. Unbefangen schaut der Mann in die Augen seiner Partnerin. Er scheint in ihr verliebt zu sein. Die Frau schaut aber über ihn hinweg, mit leicht gehobenen Gesicht, ablehnend. Trotz der unglücklichen Liebe bleibt die Freude am Tanzen gross. Die beiden sind schliesslich Professionalisten. Botero scheint, für seine Skulpturen die richtigen Stellen in Berlin gewählt zu haben. Der Berliner Lustgarten bietet die entsprechenden Raumkapazitäten. Ausserdem hatte er eine wechselvolle Geschichte, die für Botero nicht ohne Bedeutung ist: von Küchengarten und Kundgebungsplatz über Parade- und Aufmarschplatz bis hin zu einem Schauplatz. An diesem Ort stehen dann die fünfzehn monumentalen Werke. Ein weiteres, mit dem Namen "Horse '06", ist auf ausdrücklichen Wunsch des Autors vor dem Brandenburger Tor aufgestellt. Für Botero symbolisiert nämlich das Pferd die Bewegung und den Aufbruch. Deshalb ist es an diesem Ort platziert, der wie kein anderer die bewegte Geschichte Berlins und der Bundesrepublik widerspiegelt. Im Sinne Boteros kontrastiert sein riesiges üppiges und ruhig stehendes Pferd mit dem temperamentvollen Ausdruck der Quadriga.

Transformation der Realität in Kunst
Unter den Figuren im Lustgarten ist eine, die den Titel "Sitzende Frau" trägt. Die linke Hand verschränkt sie hinter den Kopf. Ihre dicken Beine liegen aufeinander, zur Seite verlegen. Auf der Bauchhöhe hält sie die rechte Hand, parallel zu den Oberschenkel, in leichter Erhebung. Die Finger sind in feiner Gestik ausgestreckt. Dafür ist der Oberkörper breit und massiv. Erstaunlich, wie unproportional klein ihre Brüste wirken. Die realistischen Reize der Frau wurden in die Kunst versetzt und universalisiert. Nach eigenen Worten des Schöpfers: "Kunst ist Deformation. Es gibt keine Kunstwerke, die wirklich realistisch wären. Was ich für falsch halte, ist Deformation um ihrer selbst willen. Denn so wird sie zu einem Monstrum". Die sitzende Frau ist kein Monstrum und damit auch kein Monster. Was sie erzeugt ist pure Sympathie und Anziehung. Sie ist eine Lady, ja, eine Adelige, mit viel Charme, ohne jeglicher kompositionellen oder ästhetischen Störung. Daher verharrt der Genuss der Betrachtung ununterbrochen lange.

Berliner Lustgarten und am Brandenburger Tor, bis 25. November. Eintritt frei. Katalog 25,- Euro.

Foto: Fernando Botero, Seated Woman (Sitzende Frau), 2002, Bronze, 197 x 192 x 212 cm, Horse '06 (Pferd '06) , 2006, Marmor, 300 x 190 x 335 cm © Galerie Thomas, München.

Donnerstag, 2. August 2007

Pathologisch, tyrannisch, vergehend. "Die Reichsgründer mit Schmürz" im Orphtheater Berlin

Nein, einfach ist die Inszenierung von Matthias Horn nicht. Das Orphtheater hat es uns nun wieder nicht einfach gemacht. Und gut so... Denn es ist genug mit der homogenisierten vorverdauten Kunst, die Zeit für etwas Anspruchvolles ist gekommen!

So widmete sich der Regisseur einem modernen Werk und nahm "Die Reichsgründer mit Schmürz", ein in den späten Fünfzigern geschriebenes Stück von dem
überzeugten Pataphysiker Boris Vian, einem französischen Autor, ja einem Multitalent, das den Ingenieur, Jazztrompeter, Schauspieler, Schriftsteller in einer Person verkörperte. So hatte Vian gutes Gefühl für all das, was auf die Bühne gehört und ein vollständiges Theater bildet: Bühnentechnik, Musik, Dramaturgie. Horn gelingt es, das in all den Elementen verborgene Potenzial herauszuholen und dem Berliner Publikum zu präsentieren. In allen szenischen Ebenen herrscht ein durchdachtes System, sei es der Rhythmus, der Körperausdruck, das Licht. Jedes grad erwähnte Element könnte selbstständig schon als ein Plot gelten. Alle zusammen bilden eine (fast) genial konstruierte Aufführung.

Eine Familie und ein Nachbar mit seinem Sohn agieren auf der Bühne. Alle sind etwas skurril, ja krank sogar. Sie kommen von irgendwo und gehen immer wieder weiter, um einem schrecklichen Geräusch zu entkommen, das sowohl an eine Baustelle als auch an Kriegsklänge erinnern mag. Die Flucht. Gekommen, kurz geblieben, wieder gegangen. Woher?, wo?, wohin? - das bleibt aber unklar. Wie die Quelle des Geräuschs. Immer wieder wehren sich die Protagonisten gegen ihn und fragen "Hat dieses Geräusch keine reale Bedeutung? [...] Warum ziehen wir dann jedes Mal weg?" Diese Fragen müssen jedoch erstmal unbeantwortet bleiben. Wahrscheinlich werden sie auch am Ende des Stückes offen stehen oder eine unerwartete Wendung nehmen, ganz übereinstimmig mit der Philosophie der Pataphysik. Zufall und Beliebigkeit sind wesentliche Elemente der Produktion in pataphysischer Tradition. Die Pataphysik präsentiert sich in Form einer Wissenschaft, Philosophie oder esoterischen Lehre, wo sie unter umgekehrten Vorzeichen ein Paralleluniversum erfindet, das an die Stelle der bekannten Welt treten könnte. Auch wenn das widersprüchlich klingen mag, eine gewisse Logik steht doch dahinter. Ein totales Chaos entsteht daher nie.

Das Paralleluniversum, in dem das Reich durch die Affen (Markenzeichen der einen Familie) und die gefallenen Engel (Markenzeichen der Nachbarn) gegründet wird, ist schizophren, paranoisch, halluzinogen, paranoid, mit einem Wort - pathologisch. Jeder hat seine Dämonen, sei das ein Radio, ein eigenes Zimmer, eine voll ausgestattete Küche, die ihn verfolgen. Die alte Dienstmagd, manchmal einer Hexe ähnlich, erklärt dem kleinen M
ädchen das sich fortpflanzende Krankheitsprozess in der Familie: "Du fühlst dich nicht wohl. Deine Gesundheit lässt zu wünschen übrig. Du bist unpäßlich. Du zeigst Symptome kommender Verwirrungen. Dein Zustand scheint nicht zufriedenstellend zu sein. Bei deinem Vater und deiner Mutter hat man auch schon Anzeichen entdeckt!" Wenn es zu wenig zu sein scheint, geschlagen wird es dann auch noch. Das Fleisch und die Erinnerungen brauchen es. Dabei wird es an alte Zeiten erinnert, herauszufinden, was ist passiert, wird versucht, Ziele und neue Verhaltensweisen werden definiert. Ohne Aussicht auf eine erfolgreiche Umsetzung.

Und dann passiert der Umbruch. Der Spielraum wird immer kleiner (die Lichttechnik kriegt das fantastisch hin). Die Lautstärke der Geräusche nimmt zu, Stück für Stück verschwinden die Protagonisten. In das kleine Quadrat in der Mitte der Szene passt nur noch der Kühlschrank und ein Tyrann; wenn alle anderen weg sind, bleibt nur noch der eine auf der Bühne - Leon, der Haupt der Familie. Er trägt all die Attribute eines "guten" Familienvaters und Ehemannes und wird 'ein Abdecker', 'ein Oberstallmeister der Reserve', 'ein Zampano', 'ein Schmürzficker' genannt. Er hockt auf dem Kühlschrank, der zu einer Zellenpritsche und schließlich zu einem Sarg wird. Monologisierend legt sich der Familientyrann hin. In wenigen Minuten wird auch er verschwinden.

Während alles leer steht und der Raum aufs Minimalste reduziert wird - was bleibt denn? Darauf hat Leon noch die eine Idee für den Lebenslauf: "Wir laufen aus Leibeskräften in die Zukunft und wir gehen so schnell, dass uns die Gegenwart entwischt und der Staub, den wir aufwirbeln, verdeckt und die Vergangenheit."

Nichts bleibt. Eine schwarze Stille.

"Die Reichsgründer mit Schmürz" von Boris Vian, Regie: Matthias Horn, B
ühne/Kostüm: Uta Kala, Dramaturie: Harald Harzheim, Eckhart Seilacher, Musik: Markus Götze. Spieler: Liane Düsterhöft, Antje Görner, Nicole Janze, Reiner Dunkl, Hans-Jürgen Pabst, Uwe Schmieder. www.orphtheater.de

Dienstag, 31. Juli 2007

"Radio is just about the best storyteller there is!"

Ach, wie gerne wünschte ich es mir, ich wäre Autor dieser Worte. Orson Wells war aber schneller. Na ja, er hat ja auch früher gelebt. Das ist überhaupt so deprimierend, dass alles schon sowieso gesagt worden ist, noch bevor man geboren wurde. ;-) Es ist fast kein Raum mehr da fürs Neugesagte. Ganz anders ist es aber im Radio. Es ist überhaupt nicht deprimierend, eher spannend, und es hat Platz für jede Geschichte, jede Erzählung...

Neue Wohnung, neue Bekannte in Berlin. Wenn ich über mein Abenteuer Radio erzähle, wollen sie meistens über die Geschichte hören: Wie bin ich zum Radio gekommen. Hier also die Story für alle...

Ich mag sieben, sechs Jahre alt gewesen sein. Oder noch jünger. Auf jeden Fall als kleiner Knabe entdeckte ich Hörspiele, diese wundervolle Welt der Geräusche. Ich lernte verschiedene Klirren zu unterscheiden. Das eine war, sagen wir mal pauschal, der fallende Porzellanlöffel, das andere eine Kristallschüssel. Oder das Rauschen. Das Meer und der Wald klangen doch so unterschiedlich. Ich sah die Prinzessin, den Fischer, die zottigen Monstren. Ich sah die breite Gegend, einen grünblauen Fluss am Rande der Lichtung, in dem gespiegelte Wolken flossen. Und doch gab es nichts zu sehen. Alles imaginierte Bilder. Die Töne besaßen damals eine unerklärbare Macht. Oder war das die Besonderheit meines Gehirns und die Phantasie, die von denen nur stimuliert waren? Egal, was das war, doch hatte es unbeschränkte Möglichkeiten. „Mensch, das wäre schön, wenn auch du andere dadurch faszinieren könntest, dass du mit Klängen Bilder schafftest, die beeindrucken“ – dachte ich damals. Und – nachdem ich Schauspieler, Zahnarzt, Psychologe und Pilot werden wollte – träumte ich von einem Radioredakteur-Beruf. Ein Fünfteljahrhundert später wurde dieser Traum wahr. Etwa als ich Mitte zwanzig wurde.

Und so ist es geblieben. Ich meine nicht, dass ich Mitte zwanzig geblieben bin. Nein, das nicht; leider bin ich schon fünf Jahre älter und etwa so lange im Hörfunk. Mit einem audialen Kulturmagazin bin ich auf Sendung gegangen. Zu der Zeit, als uns der öffentlich-rechtliche Sender „Radio Olsztyn“ ein Zeitfenster für eine kultur-literarische Sendung angeboten hat, war ich Leiter der Übersetzungskolumne bei „Portret“. Die Sendung wurde „Ohr zum Abwischen des ‚Portrets’“ genannt. Und so waren wir nicht nur in den Augen unserer LeserInnen sondern auch in ihren Ohren. Schon eine Besonderheit.

2001 hatte der Verband der Deutschen Gesellschaften im ehemaligen Ostpreußen, bzw. sein Vorsitzende, einige deutschsprachigen Radioprogramme in Schlesien gelauscht und wollte, dass was Ähnliches in Allenstein entsteht. Ich wurde eingeladen die Redaktion zu gründen. Und nachdem sich einige Leute zusammen getan haben, entschieden sie, dass ich der Redaktionsleiter werde. So stand vor mir eine große Herausforderung, ich war mitten im Studium, aber es hat Spaß gemacht. Wir entwickelten das Konzept und fingen an, Themen zu sammeln. Parallel wurden wir geschult, für einige war es das allererste Mal vor dem Mikrophon. Aber es ging, und zwar ganz nach der Regel „Jeder Anfang ist schwer“. Eine Radiosendung mit fünf Leuten zu koordinieren, sich um die Themen zu kümmern und noch in einem fremden Land stotternfreies Deutsch über den Äther sprechen zu müssen, wo die Rückmeldungen der polnischen Mehrheit (wir waren doch die deutsche Minderheit) nicht vorauszusehen waren, war schwierig.

Während die Sendung sich entwickelte und immer professioneller wurde, besuchte ich mehrere Radioseminare, machte Hörfunkpraktika im Ausland und knüpfte Kontakte. Vor allem lernte ich aber viel, wie man gutes Radio macht. Leider nicht alle meiner Ideen fanden im Verband Akzeptanz. Schade. Das war aber dadurch zu erklären, dass keineR dort Ahnung vom Radiomachen hatte. Was nicht reformiert ist, bleibt unreformiert. Hauptsache, die Sendung hatte ein Wunschkonzert und die alte Schlager erklangen. Keine falsche Vorstellung, wenn man modernes Radio machen wollte, oder? ;-)

Dresden, Leipzig, München, Berlin – tolle Städte und tolle RadiomacherInnen. In den Städten hatte ich eine intensive und horizonterweiternde Zeit. Sei das SAEK, MDR, BR, m94,5 oder schließlich Deutschlandradio Kultur, ich sah immer neue Dinge, betrachtete sie aus einer wechselnden Perspektive, bildete und entwickelte mich. Gelegentlich machte ich Korrespondenzen für MDR und NDR, stellte Themen vor, partizipierte an großen Sitzungen. Und all das machte mir viel Spaß. Paar mal dachte ich an einen zusätzlichen Beruf. Aber welch ein anderer gäbe mir die Möglichkeit, sich täglich mit anderen Themen zu beschäftigen, neue Leute zu treffen, ihre Geschichten kennen zu lernen und das Erfahrene weiterzugeben? Gerade fällt mir nichts Passendes mehr ein...

Deswegen heute immer noch im Hörfunk. Zurück beim Deutschlandradio Kultur in Berlin.

Sonntag, 29. Juli 2007

Alter Dielenboden, Stümpfe und ganz nette Leute. Multinational, passend

Wie gehofft und geahnt, darf ich in die Wohnung in Schöneberg einziehen. Also doch die richtigen Leute... Nur das Wetter will nicht mitspielen. Es regnet den ganzen Vormittag. Wie transportiere ich meinen Koffer und meinen Laptop sowie Rücksack und einige weiteren kleinen Dinge von Viktoriastadt nach Schöneberg? Es wird doch alles nass. Wenn es aber so beginnt, dann muss es danach nur noch besser werden...

Und doch geschafft, trotz des schlechten Wetters. Zuerst also die technischen Einzelheiten: Das Zimmer ist (noch) ruhig, mit altem Dielenboden, zum Hinterhof gelegen. Ein strohgelber Stumpf steht auf dem Fensterbrett, hinter der Scheibe, also schon draußen. Mein Vorgänger hatte nicht viel Liebe für Flora, wenig mehr für Ordnung. Staubig ist der Fensterrevier. Die Pflanze, auch wenn das eine Kaktee ist, ruft nach ein paar Tropfen Wasser.

Der Raum, den ich bewohnen werde, ist mit Regal, Schlafcouch, kleiner Sitzecke und Garderobe möbliert. Die hohen Wände bieten viel Platz für Kunstplakate oder Gemälde. Im Keller liegen ein weiterer runder Tisch (im Zimmer gibt es schon einen quadratischen) und Holzjalousien. All diese übernommenen Gegenstände gehören jetzt mir. Für sie zahlte ich einen Abstand. Er deckt auch einige Utensilien in der Küche, weiß ich aber nicht genau, welche. Muss noch nachfragen. Komisch, bezahlt für etwas und keine Ahnung wofür. Ich habe das Gefühl, hier stimmt etwas nicht...

In dem Fahrradkeller stehen zahlreiche Fahrräder. Meins jedoch nicht. Wird aber auch noch kommen. Ich habe schon vor, nach Empfehlung, die Flohmärkte am Boxhagener Platz oder im Mauerpark zu besuchen. Diesen Sonntag, wenn’s klappt. Erstmal aber die Bettdecke und ein Schlafkissen beschaffen! Andererseits habe ich schon gehört, dass es sich nicht lohnt, ein gebrauchtes Fahrrad zu kaufen. Die halten nicht lange. Ach, wo ist der unbekannte U-Bahn-Fahrer, der mir im Mai ein neu(geklaut)es Fahrrad verkaufen wollte. Mit Titanelementen und Scheibenbremsen. Topmodel für fünfzig Euro. Wie geschenkt. Hätte nach dem Handeln sicher sogar nur noch für vierzig bekommen. ;-) Aber wer kauft schon ein geklautes Velo? Das ist doch so uncool!

Nun aber zu den Leuten, damit auch der Titel endlich erklärt wird. Nadine stammt aus dem Rheinland. Robert dagegen aus Bayern. Es kann also gesagt werden, dass jedeR von uns eine andere Gegend vertritt. Drei verschiedene Länder, wenn man so will. Multinational... ;-)

Sie trägt eine Brille und ist elegant angezogen. Das lockende Haar steht ihr gut. Lang ist es dagegen nicht besonders. Er, mit einem sympathisch rollenden „r“, ein Hemd und eine Weste. Mit einem Bärtchen. Beide fröhlich und Fans vom Tischtennis. Passt.

Den ersten Match haben wir schon hinter uns. Die nächsten folgen.

Mittwoch, 25. Juli 2007

Prüfen der Kommentare

Ob ich jeden Kommentar antworten werde, kann ich nicht versprechen. Besser nicht. Sonst werden Zeiten kommen, in denen ich viel mehr Arbeit mit fremden als mit eigenen Texten haben werde. Der erste ist schon eine Ausnahme. Es gibt den Spruch: „Man trainiert nicht, um der zweite zu werden“. Iza musste viel trainiert haben, um die erste sein zu können. Und sie ist die erste.

Also Iza, zu Deiner Frage: Ob die Prüfung der Kommentare wirklich nötig sei? – Ja! Denn im Internet gibt es zunehmend kleine Programme (Viren), die sich unerwünscht in Gästebücher, Blogs und Ähnliches eindrängen und ihre Spuren hinterlassen; oft mit Links zu Porno-Seiten. Das will ich nun wirklich nicht in meinem anständigen Blog. ;-)

Aber Iza: Weiterhin frohes Kommentieren!

Montag, 23. Juli 2007

Eigentlich ein schöner Abend... nur ob die richtigen Leute?

Schon gestern machte ich mich auf dem Weg, eine weitere Wohnung zu besuchen. Eine WG in Schöneberg, zwischen S Südkreuz und S Schöneberg. Ich war schon am Alex als mich Michael angerufen hat und das Treffen auf heute verlegen wollte. Was sollte ich nun tun? Mit eventuellen Mitbewohnern streiten und einen falschen Eindruck hinterlassen? Das auf keinen Fall... So sagte ich zu und war heute wieder unterwegs.

Als ich die Wohnung betrat, saßen alle in der Wohnküche, wartend, neugierig. Ich war pünktlich da. Diesmal klappte es mit dem Treffen.

Nadine war noch am Speisen, Robert und Michael versuchten mir etwas zum Essen anzubieten. Nektarinen? Kakaopulver? Müsli? Da ich aber einen großen Schnitzel in dem Sender-Kasino verschluckt habe und danach noch einige weiteren Leckereien, hatte ich keine Lust (und keinen Platz) auf mehr. Mit einem Glas Wasser war ich schließlich zufrieden.

Das Gespräch hatte auf den ersten Blick keinen prüfenden Charakter. Musste auch nicht. In einem normalen, stressfreien Dialog erfährt man mehr als in einer gezwungenen Diskussion. Außerdem erreicht man mehr mit einer Atmosphäre der Sicherheit. Der Geprüfte achtet dabei nicht so sehr auf sein Benehmen, fühlt sich frei, die Macht über seine Sinne wird eingeschläfert. Und gerade in diesem Moment passiert es: Er wird gefangen. Ob das auch bei mir der Fall war? Eigentlich egal.

Nun, wir sprachen über viele Dinge, was mich an meine Magisterprüfung erinnerte. Und, ähnlich wie damals, hatte es fast nichts mit dem eigentlichen Thema zu tun. Nicht einmal wurde das eventuelle Zusammenwohnen von uns angesprochen. Literatur, Politik, Religion, Küche, Berufe und Sport waren Themen des Abends. Plötzlich stellte sich heraus, dass die Gruppe gerne Tischtennis spielt. Blöderweise erzählte ich, dass mein Vater früher an verschiedenen Tischtennis-Meisterschaften teilnahm. Danach gab es keinen Rückweg. Mir wurde angeboten, zusammen Tischtennis spielen zu gehen. Und wieder die gleiche Frage: Soll ich absagen? Nein, wollte ich freiwillig nicht. Der Abend war angenehm und ich brauchte doch ein bisschen Abwechslung, auch wenn ich mich beim Spiel blamieren sollte. Den ganzen Tag über saß ich in der Redaktion und wurde in die Geheimnisse der Interview-Auswertung eingeschult. Meine Zellen brauchten also mehr frische Luft. Die intellektuelle Anstrengung erschwächte den Körper und ich erhoffte mir durch die Bewegung einen neuen Energienachschub.

So war es dann auch. Keine Ahnung, wie lange wir spielten. Mehrere Runden. Die Mannschaft von dem Nachbartisch ging schon, es wurde dunkler. Und wir spielten weiter. Was ich bemerken musste, ich war nach dem Einüben gar nicht so schlecht, wie ich davor dachte. Sicher war ich auch nicht der beste, sie alle waren besser als ich, ich habe aber die Tischtennisbälle treffen können und manchmal die anderen besiegen. ;-)

Schließlich entschieden wir uns für ein Bier. Michael verriet, dass Robert sich nur mit so einem zusammen zu wohnen vorstellen könnte, mit dem er ein Bier getrunken hat. „Und das ist gerade passiert“, fügte Robert hinzu, nachdem wir unsere Gläser leer gemacht haben. Danach folgte eine Runde von Witzen. Ich konnte mich nicht an einen besonderen über die Brüder Kaczynski erinnern. Das beschäftigte mich später noch die halbe Nacht, aber ich kam darauf. Leider spielen in dem Witz Wortspiele eine wichtige Rolle. Und diese lassen sich nicht in Deutsche übersetzen, leider.

Mit Lächeln im Gesicht gingen wir auseinander. Morgen soll ich eine Zu- oder Absage bekommen. Ob wir zusammen passen? Das wird sich ergeben...