Ach, wie gerne wünschte ich es mir, ich wäre Autor dieser Worte. Orson Wells war aber schneller. Na ja, er hat ja auch früher gelebt. Das ist überhaupt so deprimierend, dass alles schon sowieso gesagt worden ist, noch bevor man geboren wurde. ;-) Es ist fast kein Raum mehr da fürs Neugesagte. Ganz anders ist es aber im Radio. Es ist überhaupt nicht deprimierend, eher spannend, und es hat Platz für jede Geschichte, jede Erzählung...
Neue Wohnung, neue Bekannte in Berlin. Wenn ich über mein Abenteuer Radio erzähle, wollen sie meistens über die Geschichte hören: Wie bin ich zum Radio gekommen. Hier also die Story für alle...
Ich mag sieben, sechs Jahre alt gewesen sein. Oder noch jünger. Auf jeden Fall als kleiner Knabe entdeckte ich Hörspiele, diese wundervolle Welt der Geräusche. Ich lernte verschiedene Klirren zu unterscheiden. Das eine war, sagen wir mal pauschal, der fallende Porzellanlöffel, das andere eine Kristallschüssel. Oder das Rauschen. Das Meer und der Wald klangen doch so unterschiedlich. Ich sah die Prinzessin, den Fischer, die zottigen Monstren. Ich sah die breite Gegend, einen grünblauen Fluss am Rande der Lichtung, in dem gespiegelte Wolken flossen. Und doch gab es nichts zu sehen. Alles imaginierte Bilder. Die Töne besaßen damals eine unerklärbare Macht. Oder war das die Besonderheit meines Gehirns und die Phantasie, die von denen nur stimuliert waren? Egal, was das war, doch hatte es unbeschränkte Möglichkeiten. „Mensch, das wäre schön, wenn auch du andere dadurch faszinieren könntest, dass du mit Klängen Bilder schafftest, die beeindrucken“ – dachte ich damals. Und – nachdem ich Schauspieler, Zahnarzt, Psychologe und Pilot werden wollte – träumte ich von einem Radioredakteur-Beruf. Ein Fünfteljahrhundert später wurde dieser Traum wahr. Etwa als ich Mitte zwanzig wurde.
Und so ist es geblieben. Ich meine nicht, dass ich Mitte zwanzig geblieben bin. Nein, das nicht; leider bin ich schon fünf Jahre älter und etwa so lange im Hörfunk. Mit einem audialen Kulturmagazin bin ich auf Sendung gegangen. Zu der Zeit, als uns der öffentlich-rechtliche Sender „Radio Olsztyn“ ein Zeitfenster für eine kultur-literarische Sendung angeboten hat, war ich Leiter der Übersetzungskolumne bei „Portret“. Die Sendung wurde „Ohr zum Abwischen des ‚Portrets’“ genannt. Und so waren wir nicht nur in den Augen unserer LeserInnen sondern auch in ihren Ohren. Schon eine Besonderheit.
2001 hatte der Verband der Deutschen Gesellschaften im ehemaligen Ostpreußen, bzw. sein Vorsitzende, einige deutschsprachigen Radioprogramme in Schlesien gelauscht und wollte, dass was Ähnliches in Allenstein entsteht. Ich wurde eingeladen die Redaktion zu gründen. Und nachdem sich einige Leute zusammen getan haben, entschieden sie, dass ich der Redaktionsleiter werde. So stand vor mir eine große Herausforderung, ich war mitten im Studium, aber es hat Spaß gemacht. Wir entwickelten das Konzept und fingen an, Themen zu sammeln. Parallel wurden wir geschult, für einige war es das allererste Mal vor dem Mikrophon. Aber es ging, und zwar ganz nach der Regel „Jeder Anfang ist schwer“. Eine Radiosendung mit fünf Leuten zu koordinieren, sich um die Themen zu kümmern und noch in einem fremden Land stotternfreies Deutsch über den Äther sprechen zu müssen, wo die Rückmeldungen der polnischen Mehrheit (wir waren doch die deutsche Minderheit) nicht vorauszusehen waren, war schwierig.
Während die Sendung sich entwickelte und immer professioneller wurde, besuchte ich mehrere Radioseminare, machte Hörfunkpraktika im Ausland und knüpfte Kontakte. Vor allem lernte ich aber viel, wie man gutes Radio macht. Leider nicht alle meiner Ideen fanden im Verband Akzeptanz. Schade. Das war aber dadurch zu erklären, dass keineR dort Ahnung vom Radiomachen hatte. Was nicht reformiert ist, bleibt unreformiert. Hauptsache, die Sendung hatte ein Wunschkonzert und die alte Schlager erklangen. Keine falsche Vorstellung, wenn man modernes Radio machen wollte, oder? ;-)
Dresden, Leipzig, München, Berlin – tolle Städte und tolle RadiomacherInnen. In den Städten hatte ich eine intensive und horizonterweiternde Zeit. Sei das SAEK, MDR, BR, m94,5 oder schließlich Deutschlandradio Kultur, ich sah immer neue Dinge, betrachtete sie aus einer wechselnden Perspektive, bildete und entwickelte mich. Gelegentlich machte ich Korrespondenzen für MDR und NDR, stellte Themen vor, partizipierte an großen Sitzungen. Und all das machte mir viel Spaß. Paar mal dachte ich an einen zusätzlichen Beruf. Aber welch ein anderer gäbe mir die Möglichkeit, sich täglich mit anderen Themen zu beschäftigen, neue Leute zu treffen, ihre Geschichten kennen zu lernen und das Erfahrene weiterzugeben? Gerade fällt mir nichts Passendes mehr ein...
Deswegen heute immer noch im Hörfunk. Zurück beim Deutschlandradio Kultur in Berlin.
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