Sonntag, 30. September 2007

"Sehnsucht nach ausladenden runden Formen". Fernando Botero in Berlin


"Ich beginne als Poet", sagte der Künstler einmal, "bringe als Maler Farben und Komposition auf die Leinwand, aber beende mein Werk als Bildhauer, der seine Freude daran hat, Formen zu streicheln". Die Üppigkeit seiner Figuren lädt ein, berührt zu werden. Und keine Kunstwerke in der Welt werden so oft angefasst wie Boteros Skulpturen.
Der 1932 in kleinem Medellín geborene Kolumbianer begann im Alter von 12 Jahren zu malen. Ende der 50er Jahre fand er seinen eigenen, heute weltberühmten, Stil. Sein Thema ist der Mensch und das menschliche Leben. Die Darstellung der Figur erlebt eine besondere Ausprägung in seinen Arbeiten, denn er zeigt den menschlichen Körper, wie auch alle anderen Formen, in überzeichneten Proportionen. "Ich mag enorme Grösse, sie ist die Erfüllung meiner Sehnsucht nach ausladenden runden Formen", erklärt er. "Dicke sind durch ihre Sinnlichkeit und Monumentalität näher an der Ewigkeit."

Leichtigkeit des Schweren, statische Bewegung
Die malerische Form, womit Botero angefangen hat, fand ihre Fortsetzung in Bronze. So sind z.B. "Dancers" aus dem Rahmen herabgestiegen und bewegen sich leicht, als ob sie gar nicht tonnenschwer wären, im Freien, auf der grünen Wiese. Auf Zehenspitzen, gerade, würdevoll. Das Paar tanzt schon länger zusammen. Unbefangen schaut der Mann in die Augen seiner Partnerin. Er scheint in ihr verliebt zu sein. Die Frau schaut aber über ihn hinweg, mit leicht gehobenen Gesicht, ablehnend. Trotz der unglücklichen Liebe bleibt die Freude am Tanzen gross. Die beiden sind schliesslich Professionalisten. Botero scheint, für seine Skulpturen die richtigen Stellen in Berlin gewählt zu haben. Der Berliner Lustgarten bietet die entsprechenden Raumkapazitäten. Ausserdem hatte er eine wechselvolle Geschichte, die für Botero nicht ohne Bedeutung ist: von Küchengarten und Kundgebungsplatz über Parade- und Aufmarschplatz bis hin zu einem Schauplatz. An diesem Ort stehen dann die fünfzehn monumentalen Werke. Ein weiteres, mit dem Namen "Horse '06", ist auf ausdrücklichen Wunsch des Autors vor dem Brandenburger Tor aufgestellt. Für Botero symbolisiert nämlich das Pferd die Bewegung und den Aufbruch. Deshalb ist es an diesem Ort platziert, der wie kein anderer die bewegte Geschichte Berlins und der Bundesrepublik widerspiegelt. Im Sinne Boteros kontrastiert sein riesiges üppiges und ruhig stehendes Pferd mit dem temperamentvollen Ausdruck der Quadriga.

Transformation der Realität in Kunst
Unter den Figuren im Lustgarten ist eine, die den Titel "Sitzende Frau" trägt. Die linke Hand verschränkt sie hinter den Kopf. Ihre dicken Beine liegen aufeinander, zur Seite verlegen. Auf der Bauchhöhe hält sie die rechte Hand, parallel zu den Oberschenkel, in leichter Erhebung. Die Finger sind in feiner Gestik ausgestreckt. Dafür ist der Oberkörper breit und massiv. Erstaunlich, wie unproportional klein ihre Brüste wirken. Die realistischen Reize der Frau wurden in die Kunst versetzt und universalisiert. Nach eigenen Worten des Schöpfers: "Kunst ist Deformation. Es gibt keine Kunstwerke, die wirklich realistisch wären. Was ich für falsch halte, ist Deformation um ihrer selbst willen. Denn so wird sie zu einem Monstrum". Die sitzende Frau ist kein Monstrum und damit auch kein Monster. Was sie erzeugt ist pure Sympathie und Anziehung. Sie ist eine Lady, ja, eine Adelige, mit viel Charme, ohne jeglicher kompositionellen oder ästhetischen Störung. Daher verharrt der Genuss der Betrachtung ununterbrochen lange.

Berliner Lustgarten und am Brandenburger Tor, bis 25. November. Eintritt frei. Katalog 25,- Euro.

Foto: Fernando Botero, Seated Woman (Sitzende Frau), 2002, Bronze, 197 x 192 x 212 cm, Horse '06 (Pferd '06) , 2006, Marmor, 300 x 190 x 335 cm © Galerie Thomas, München.

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